Pilgern auf dem Jerusalemweg

Pilgern auf dem Jerusalemweg – in Hohenstaufen (Landkreis Göppingen) – die Muschel ist die Markierung des Jakobswegs, die zusammenführenden Strahlen weisen in Richtung Santiago de Compostela – darunter die Kennzeichnung des Jerusalemwegs, der genau in die entgegengesetzte Richtung führt – im Hintergrund die Barbarossakirche

Pilgern mit der KEB: Mit dem Regenschirm von den Staufern zum Sufismus
Text und Fotos: Peter Dietrich, Freier Journalist

Die Regenwolken hingen so tief, dass sich die Pilgerwanderung vom Hohenstaufen nach Schwäbisch Gmünd schon alpin anfühlte. Das konnte die kleine Gruppe der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Esslingen (KEB) nicht abschrecken. Sie war mit Absicht nicht in Richtung Santiago de Compostela unterwegs, sondern genau in die Gegenrichtung in Richtung Jerusalem. 

Pilgern auf dem Jerusalemweg – Pilgern auch bei schlechtem Wetter, in der Mitte Dr. Emanuel Gebauer, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Esslingen (keb), das Bild entstand mittendrin auf dem Weg vom Hohenstaufen nach Schwäbisch Gmünd

Der international beliebte Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist eigentlich nur ein Ersatz. „Wir laufen in die falsche Richtung“, hatte der KEB-Leiter Emanuel Gebauer einst bemerkt, als er mit einer Gruppe beim Jakobspilgern war. Denn der Jakobsweg ist nur eine spätmittelalterliche Umleitung. Sie entstand, als Jerusalem wegen der politischen und religiösen Umstände nicht erreichbar war. Nun brennt Gebauer fürs Original und unterstützt den Aufbau des Jerusalemwegs, der als interreligiöses Friedens- und Kulturprojekt durch 15 Länder führen soll. Er ist bereits mit dem Rad auf diesem Weg bis auf den Balkan gepilgert.

Ein Pilgerweg braucht Ansprechpartner, Wegweiser und Unterkünfte. Der neue Jerusalemweg soll die Strukturen bestehender Pilgerwege nutzen, etwa vom Martinusweg. Am Startpunkt der KEB-Pilgertour, der Barbarossakirche am Hohenstaufen, waren an einem Mast zwei Wegweiser übereinander zu finden: Oben die Jakobsmuschel, deren zusammenführende Strahlen in Richtung Santiago de Compostela weisen, darunter der neue Aufkleber des Jerusalemwegs, rot-weiß-rot mit Friedenstaube. Die Farben sehen nicht zufällig so österreichisch aus: Einer der Motoren des „International Jerusalem Way“ ist Johannes Aschauer, Polizist aus der Nähe von Linz. Er ist tatsächlich schon durchgehend bis Jerusalem gepilgert, im Jahr 2010, kurz vor dem Syrienkrieg.

Gebauer ist deutscher Repräsentant des von Aschauer international konzipierten Fördervereins für den Jerusalemweg, im Vorjahr hatte er 50 Gäste zum dreitägigen Pilgersymposium in Esslingen versammelt. Nun warb er mit einer 14 Kilometer langen Pilgeretappe für den neuen Weg.

Der Beginn in der Stauferausstellung zeigte, dass interreligiöse Begegnungen nichts Neues sind, schon Kaiser Friedrich II. hatte den Sultan getroffen. Während Friedrich II. auf Verhandlungen setzte, setzten andere bei den Kreuzzügen allein auf rohe Gewalt. Der Jerusalemweg stehe nicht in der Tradition dieser Kreuzzüge, betonte Gebauer, die Wurzeln reichten sehr viel weiter zurück. Die erste Pilgerreise von Bordeaux nach Jerusalem ist schon im Jahr 333 belegt.

In der Türkei folgt der Jerusalemweg auf 300 Kilometern dem Fernwanderweg „Sufi Trail“. Für die Pilgergruppe gab es nach der Regenwanderung im Kloster der Franziskanerinnen Schwäbisch Gmünd eine Begegnung mit der islamischen Theologin Hilal Kurt. Ihr theologischer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung einer islamischen Friedens- und Versöhnungstheologie. Hilal Kurt stellte den Sufismus, eine mystische Tradition des Islam, vor. Die tanzenden Derwische vermittelten schnell ein falsches Bild, betonte sie. „Es geht nicht nur um die eigene Erleuchtung. Die Leute sind nicht apolitisch, sondern politisch sehr engagiert. Im Dienste der Schöpfung zu stehen, ist der Motor für gesellschaftliches Engagement, welches man von politischem Handeln nicht trennen kann.“ Erst wenn Ungerechtigkeit im Sinne der Existenzbedrohung herrsche, könne Widerstand zur Pflicht werden. Daraus entwickelte sich eine Diskussion über die Spannung zwischen christlicher Spiritualität und politischem Engagement. Die Teilnehmer stellten auch Parallelen in der Mystik verschiedener Religionen fest.

Wenn Jugendliche den Salafisten folgen, zeigt das für Hilal Kurt ein „Vakuum im Islam“. Es fehlten die Lehrmeister, die Menschen in positiver Weise anleiten könnten. Lehrmeister seien auch wichtig, wenn Menschen sich wie bei den Sufis mit der Meditation beschäftigten. „Man kann das nicht einfach so mit einer Gruppe machen.“ Wenn Menschen in Trance fallen, könne das außer Kontrolle geraten.

Auch künftig will Gebauer den Jerusalemweg voranbringen: Bevor die Beschilderungen lückenlos den Weg bis ins Heilige Land weisen, soll er mit seinen vielfältigen Themen und Geschichten wieder in die Köpfe der Menschen. Wenn dann irgendwann Pilger und Hospize den Weg wieder ständig umsorgen und offen halten, ist das Ziel erreicht.

Wären die KEB-Pilger hinter Schwäbisch Gmünd weitergewandert, hätte sie das mit der Zeit nach Donauwörth geführt. Dort treffen zwei deutsche Zuführrouten zusammen, auf der weiten Reise nach Jerusalem: Aschauers Zeitschätzung beruht ab Esslingen auf etwa sieben Monaten. In Jerusalem angekommen, richtet sich das genaue Ziel nach der Religion: „Der christliche Pilger wird traditionell zur Grabeskirche ziehen, der Muslim zum Tempelberg, der Jude zur Klagemauer“, sagt Gebauer.