Genau hinschauen und zum Glauben ermutigen

Foto und Text von Ulrike Rapp-Hirrlinger

Die Dekaninnen und Dekane im Landkreis Esslingen eröffnen am 3. Mai 2021 den Ökumenischen Kirchentag mit einem Online Podiums Gespräch

Kirchentag, das heißt in normalen Zeiten, dass viele Menschen zusammenkommen, sich austauschen, diskutieren und zuweilen auch st reiten im positiven Sinn. Zum dritten Mal wollten dies evangelische und katholische Christinnen und Christen beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt tun. Nun kann dieses Ereignis wie so vieles wegen Corona nur online stattfinden. Wenige Tage vor der Eröffnung am 13. Mai haben die Bildungswerke der beiden großen Kirchen im Landkreis Esslingen zu einer Podiumsdiskussion mit den Dekaninnen und Dekanen der katholischen und evangelischen Kirche geladen. Miteinander ins Online-Gespräch kamen die beiden evangelischen Dekaninnen Renate Kath (Kirchheim) und Christiane Kohler-Weiß (Nürtingen), ihre katholischen Kollegen Paul Magino (Wendlingen) und VolkerWeber(Neckartenzlingen) sowie die evangelischen Dekane Bernd Weißenborn (Esslingen) und Gunther Seibold (Bernhausen). Mehr als 70 Interessierte hatten sich zugeschaltet.

Glaube und Macht, Klimapolitik, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt waren die zentralen Themen. Dabei stand das Kirchentagsmotto ,,Schaut hin“ aus dem Markus-Evangelium im Mittelpunkt. In vier Themenblöcke hatten die Veranstalter Emanuel Gebauer von der Katholischen Erwachsenenbildung und Markus Geiger vom Evangelischen Bildungswerk das Programm strukturiert: ,,Glaube, Spiritualität, Kirche“, ,,Lebensräume, Lebenswelten, Zusammenleben“, ,,Schöpfung, Frieden,
Weltgemeinschaft“ und „Wirtschaft, Macht, Verantwortung“. Jeder der sechs Teilnehmenden hatte sich ein Thema für einen Impuls ausgewählt. „Zusammen“ hatte Renate Kath ihren Part überschrieben. Angesichts globaler gesellschaftlicher Herausforderungen, nicht nur jüngst durch die Coronapandemie, gelte es, genau hinzuschauen. ,,Krisen bewältigen wir nur gemeinsam“, ist die Kirchheimer Dekanin überzeugt. Dies brauche weltweite Solidarität. Christiane Kohler-Weiß, ganz neu im Amt der Nürtinger Dekanin, ging ganz konkret auf die Coronapandemie ein und fragte: ,,Warum haben in der Krise bestimmte Experten so viel zu sagen und warum haben die Zahlen eine so große Macht?“ Bei einer so komplexen Problemlage brauche es verschiedene Perspektiven, ist sie überzeugt. Der Macht der Zahlen will Kohler-Weiß die Aussagekraft von
Geschichten und menschlichen Schicksalen entgegenstellen. Wenn Angehörige von Corona-Opfern erzähl ten, motiviere dies, Einschränkungen zu akzeptieren.

„Schaut hin“ ist für den katholischen Dekan Paul Magino ein „Appell an uns alle“, sich stärker der Bewahrung der Schöpfung anzunehmen. ,,Was können wir als Kirchen tun – vor Ort, aber auch weltweit?“, fragte er. Mit Blick auf das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts forderte er: ,,Wir müssen die Schöpfung für nachfolgende Genera tionen bewahren.“

Dass die Nachbarschaft in der Pandemiewiederstärkerins Bewusstsein gerückt ist, ist für Gunther Seibold zunächst einmal positiv. Neben schönen Nachbarschaftserlebnissen hat er aber auch festgestellt, dass „der Trend, eher wegzuschauen, ungebrochen ist“. Sei Nachbarschaft früher positive Sozialkontrolle gewesen,
gebe es heute kaum mehr Erwartungen aneinander. ,,Wir haben einen Verlust an Wissen über unsere Nachbarschaft.“ So sei etwa das Angebot von Ehrenamtlichen, Kinder beim Homeschooling zu unterstützen, ins Leere gelaufen, weil niemand gewusst habe, wer die Bedürftigen seien.

Der katholische Dekan Volker Weber wie auch sein evangelischer Kollege Bernd Weißenborn hatten sich mit dem Thema ,,Glaube und Spirituali tät“ beschäftigt. Persönlich habe sich für ihn durch die Kraft des Gebetes ein Raum des Verstehens und des Trostes geöffnet, sagte Weber. Der Glaube helfe, besser durch die Pandemie zu kommen, ist er überzeugt.

Zum Glauben ermutigen, Menschen gezielt einzuladen, ist auch für Bernd Weißenborn eine Notwendigkeit in einer Zeit, „in der die Weitergabe des Glaubens ins Stocken geraten oder gar abgebrochen ist“. Viele Menschen könnten sich nicht mehr als Gemeinschaft der Glaubenden wahrnehmen. Gleichwohl sehe er neben Unsicherheit und Unkenntnis eine Sehnsucht nach dem Glauben. Die Kirche müsse deshalb ihren Auftrag, die Weitergabe des Glaubens, in den Mittelpunkt stellen. Solange die Kirche nicht mit Fragen wie Missbrauch oder Gleichstellung von Frauen aufgeräumt habe, tue sie sich schwer, überzeugend vom Glauben zu erzählen, meinte Magino aus katholischer Sicht.