Drei Engel für Charity

Ein Abend zum Einsatz für Gerechtigkeit in Esslingen

Von Peter Dietrich, Journalist PD, Esslinger Kreiszeitung

Dreimal im Spezialeinsatz: Gerhard Trabert aus Mainz behandelt kostenlos im Arztmobil, Schwester Margret aus Stuttgart kümmert sich um Notleidende in der Franziskusstube, Marc Assenheimer aus Tübingen schneidet mit den „Barber Angels“ kostenlos Haare. Was vereint diese drei Menschen, was motiviert sie? Das erzählten sie auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) und der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen.

„Bei uns schreit keiner herum und keiner beleidigt den anderen“, berichtete Schwester Margret aus der Stuttgarter Franziskusstube. „Das ist mir wichtig.“ Schon ab 6.45 Uhr am Morgen wird alles hergerichtet, vor dem Frühstück gibt es um 7.30 Uhr eine Drei-Minuten-Besinnung. „Da ist jeder ruhig.“ Seit 35 Jahren gibt es dieses niederschwellige Angebot: Bischof Georg Moser hatte entschieden, Stuttgart brauche so etwas. „Ich reagiere auf das, was auf mich zukommt“, sagt Schwester Margret, die schon an der Klosterpforte eine merkwürdige Anziehungskraft auf Obdachlose entwickelt hatte. Sie wünscht sich in der Gesellschaft „den Blick von Gott her, dass jeder Mensch gleich ist“.

Zur ersten kostenlosen Haarschneideaktion fuhr Marc Assenheimer nach München, Partner waren Heilsarmee und Bahnhofsmission. „Wir fuhren zu siebt, das war 2015, als die vielen Geflüchteten kamen.“ Assenheimer will jeden mit Respekt behandeln, genauso wie die zahlenden Kunden in seinen beiden Salons mit 15 Mitarbeitern. „Es ist so schön, die Dankbarkeit, die rüberkommt, die Menschen wollten es zuerst gar nicht glauben.“ Vor drei Jahren wurde der Verein „Barber Angels“ gegründet, inzwischen gehören mehr als 400 Frisöre dazu, die in sechs Ländern arbeiten. „Das waren 40 000 Haarschnitte.“ Assenheimer hat erlebt, wie ein Haarschnitt einer jungen Frau wieder so viel Hoffnung gab, dass sie eine Ausbildung begann und sich wieder um ihr Kind kümmern konnte. „Das verändert Menschen.“

Wie das ist, wenn einer als junger Mensch nicht wahrgenommen wird, das hat Assenheimer selbst erfahren, mit Sonderschule und Internat. „Ich habe mich ungerecht behandelt gefühlt.“ Das beflügelte seine „Lust auf Gerechtigkeit“, zu der er sich bis heute bekennt. Er hat durch seinen Einsatz eine neue Wertschätzung für das eigene Wohlergehen bekommen: „Ich gehe demütig nach Hause. Du kannst genauso reinrutschen.“ Die Barber Angels wollen andere Branchen anstecken: Erfreut berichtete Assenheimer von der Bereitschaft von Gastronomen und Optikern.

Der Arzt Gerhard Trabert bekam seine ersten Kontakte zu Benachteiligten durc h seine Frau, sie arbeitete in einer Einrichtung für Wohnungslose. Er machte seine Doktorarbeit über diese Menschen und stellte fest: „Ihnen geht es schlecht.“ Wenn der Patient nicht zum Arzt komme, müsse dieser zum Patienten gehen, befand er, baute auf seinen Erfahrungen in der Behandlung von Lepra-Patienten in Indien auf. Bis die Kassenärztliche Vereinigung ihn ermächtigte, Wohnungslose zu behandeln, dauerte es ein Jahr. „Das kommt aus dem Mittalter, als Schutz vor umherziehenden Quacksalbern.“ Sich auf der Straße freizumachen, geht schlecht, es

brauchte ein fahrbares Sprechzimmer. So entstand das Arztmobil, schnell kamen neben Wohnungslosen auch entlassene Häftlinge, mangels Job nicht versicherte EU-Bürger und Privatversicherte, die ihre Beiträge nicht mehr bezahlen konnten.

„Wir wollen nicht die Tafeln der Gesundheitsversorgung sein“, betont Trabert. Er sucht für seine Patienten Wege zurück ins normale System, will Druck auf die Politik ausüben, Entscheidungsträger mit der Realität konfrontieren: „Unsere soziale Fürsorge wird immer grobmaschiger. Es gibt ein Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung, das will ich einfordern.“ Aber: „Wenn ich warten würde, bis sich etwas verändert, wären 50 Prozent meiner Patienten tot.“ Deshalb will er zugleich Widerstand leisten und Neues schaffen. „Die Arbeit ist kein Opfer, ich bekomme Begegnung und Authentizität, das ist ein Geschenk. Es gibt so viele tolle, schöne Momente. Natürlich ist Supervision, also begleitende Beratung, wichtig, um die Ohnmacht reflektieren zu können.“
Der Moderator Uwe Schindera fragte im Gemeindezentrum St. Albertus Magnus nach Berührungsängsten. „Ich habe es lernen müssen“, sagte Assenheimer. „Ich hatte auch Vorurteile“, gab Trabert zu. „Ich habe gelernt, die Menschen ernster zu nehmen. Wenn einer sagt, dem Kumpel gehe es schlecht, dann ist das so.“ Doch die drei sind auch froh über das, was ihnen mitgegeben wurde. „Ich bin ziemlich unerschrocken“, sagte Schwester Margret.
Mitgegeben wurde ihr und Trabert auch das Bundesverdienstkreuz. Eine Ehrung des Landes Rheinland-Pfalz hat Trabert aber mit Protest abgelehnt: „Ihr macht eine vollkommen andere Politik.“