Antworten im Angesicht des Todes – Albert Biesinger 5. Februar 2026
Text: Peter Dietrich, Journalist – 1. Februar 2026
Bericht zur Veranstaltung am 30. Januar im Kath. Gemeindehaus St. Josef, Esslingen-Hohenkreuz
Eltern wissen, wie schwer Kinderfragen oft zu beantworten sind. Etwa die Frage, die der heute 77-jährige Theologe Albert Biesinger einst von seinem 13-jährigen Sohn zu hören bekam: „Warum kommen wir auf die Welt, wenn wir doch wieder sterben müssen?“ Zu welchen Antworten er gekommen ist, berichtete er auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Esslingen (KEB).
Biesingers Antwortversuche gab es nicht nur mündlich, sondern auch gedruckt: Eines von seinen Büchern ist genau nach dieser Frage benannt, es hat bereits vier Auflagen erlebt. „Zwischendurch hatte ich überlegt, ob ich mit Schreiben aufhöre“, bekannte Biesinger. Denn dieses war emotional extrem belastend. Als Notfallseelsorger hat Biesinger Grenzwertiges erlebt – er hatte etwa beim Amoklauf von Winnenden Dienst. Er stand Eltern bei, deren Tochter nach der Disconacht tödlich verunglückt war. Er musste einer Familie die Todesnachricht vom Papa, einem Dachdecker, überbringen.
Biesinger hat sich gefragt, welche Rolle er in solchen Situationen gespielt hat. Was anders gelaufen wäre, wenn er nicht zur Stelle gewesen wäre. Etwa so, wie es ein Engel im Filmklassiker „Ist das Leben nicht schön?“ von 1946 beim lebensmüden George Bailey tat. Wie Bailey kam auch Biesinger zum Ergebnis, dass er an ganz vielen Stellen gebraucht wurde. So kam er zu einer seiner Antworten: Wir Menschen sind da, um in der Not einander der „hilfreiche Engel“ zu sein. Bei manchem Leid konnte Biesinger nichts ändern, sondern nur noch mittragen, in anderen Situationen trug er zur Wendung bei. Etwa beim verzweifelten Anruf einer jungen Frau, die ihren Termin für die Abtreibung für den nächsten Morgen schon fest vereinbart hatte. Gegen ihr eigenes Gewissen, auf Druck ihres Freundes, der ihr sonst mit der Trennung drohte. Biesinger überlegte mit ihr ganz bildhaft, wie die Zukunft mit dem Kind aussehen könnte. Mit glücklichem Ausgang: Das Kind lebt und das Paar blieb zusammen.
Biesinger berichtete auch von seiner eigenen Nahtoderfahrung, nach einer misslungenen OP war er neun Tage auf der Intensiv- und Wachstation gelegen. „Das war ein Bewusstseinszustand, den ich zuvor nicht gekannt hatte, das war kein Traum.“ Er sei mit dem Sterben schon „ziemlich weit vorne“ gewesen, sagte der emeritierte Tübinger Professor. Aber offensichtlich sei seine Aufgabe auf der Erde damals noch nicht zu Ende gewesen.
Hervorgegangen war der Vortragsabend mit knapp 50 aufmerksamen Zuhörern aus einem offenen Gesprächskreis mit dem Motto „Mein Glaubensbekenntnis“, den die KEB im Jahr 2022 zum Katholikentag in Stuttgart begonnen hatte. Zwei Jahre lang traf sich der Kreis etwa monatlich und drang dabei zu existenziellen Fragen vor. Es wuchs so viel Vertrauen untereinander, dass aus dem offenen Kreis schließlich eine geschlossene Runde wurde. Mit dem Vortrag öffnete sie sich wieder.

In diesem zitierte Biesinger einen Professorenkollegen: Mit dem Tod eines Menschen werde quasi die Festplatte gelöscht. Und widersprach entschieden: „Ich bin mehr als mein Körper. Das Erlebte wird bleiben, wenn wir uns von unserem Körper lösen.“ Biesinger weiß, wie sehr manche Menschen im Rückblick auf ihr eigenes Leben grübeln: ach, hätte ich nur, ach wäre ich doch.“ Das führe nicht weiter, sagte er. Seine Empfehlung: „Die Dankbarkeit muss man hochhalten, nicht die Grübelei.“ So könne jeder sein eigenes Buch über Gelungenes schreiben, wie er es getan habe – ob nun auf Papier oder nur als Kopfkino.
Sein eigenes Buch begann mit einer Kinderfrage, es endet mit einigen Kinderantworten auf genau diese Frage. Der 13-jährige Jonas antwortete weiser, als es viele Erwachsene könnten: „Man kommt auf die Welt, um selber geliebt zu werden und Liebe zu schenken.“ Die Aufgabe eines Menschen sei, meinte Jonas, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. „Den meisten Menschen gelingt das. Aber es gibt manche Menschen, die die Welt schlechter hinterlassen, als sie vorher war.“

Foto: Peter Dietrich
