„Kickt die Kirche aus dem Koma“

Eine Frage der Macht

Unter dem Motto „Kickt die Kirche aus dem Koma“ setzt sich Jacqueline Straub für Reformen in der Katholischen Kirche ein.

Von Petra Weber-Obrock

Die Geduld der reformwilligen Kräfte in der Katholischen Kirche ist am Ende. Seit langem fordern sie eine Aufhebung des Pflichtzölibats, eine Öffnung der Weiheämter für Frauen, ein Aufbrechen verkrusteter Hierarchien und die konsequente Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Auf den Weg gebracht ist bisher wenig. Für Reformen tritt auch die Züricher Theologin, Journalistin und Autorin Jacqueline Straub ein, die sich seit ihrer Jugend zur Römisch-Katholischen Priesterin berufen fühlt. Am Freitag sprach sie im vollbesetzten Saal des Gemeindehauses St. Ulrich in Kirchheim über ihr neues Buch „Kickt die Kirche aus dem Koma“ (Patmos-Verlag, 19.00 €). Der Vortrag fand auf Einladung der Initiative Maria 2.0

… der Gesamtkirchengemeinde und der keb Katholische Erwachsenenbildung im Landkreis Esslingen e.V. statt. Authentisch und mitreißend plädierte Jacqueline Straub für den Aufbruch der Kirche in eine Gegenwart, in der die Partizipation der Geschlechter Konsens ist. „So kann es nicht mehr weitergehen“, sagte Uschi Flaig von der Kirchheimer Gruppe Maria 2.0., einer deutschlandweiten Initiative, die sich streitbar für Reformen einsetzt, zu Beginn. Sie sprach sich gegen strukturelle Diskriminierung von Frauen in der Kirche aus und forderte, ihnen Charismen und das Recht auf eine Weihe zur Diakonin oder Priesterin zuzugestehen. Charisma besitzt Jacqueline Straub auf jeden Fall. „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, zitierte sie zu Beginn ihres Vortrags den heiligen Augustinus. Seit ihrer Jugend will sie Priesterin werden. Diese Entscheidung führte sie zum Theologiestudium nach Freiburg, wo sie sowohl Zustimmung als auch Ablehnung erfuhr. Der Mann sei als Erster geschaffen worden, war einer der herablassenden Kommentare zu ihrem Berufswunsch. Eine Frau könne das Beichtgeheimnis wegen ihrer Geschwätzigkeit ohnehin nicht halten, ein anderer. Sie könne ja seine Haushälterin werden und ihm die Predigten schreiben, schlug ein Priesteramtskandidat vor. Mehrfach wurde ihr die Idee nahegebracht, zu konvertieren und evangelische Pfarrerin zu werden. Auf den Exorzismus, den man für sie abhielt, reagierte sie mit Gebeten. „Ich werde so lange weiterkämpfen, bis ich Priesterin werden darf“, kündigte sie an. Konsens zwischen ihr und dem Publikum herrschte in der Frage nach der Notwendigkeit von Reformen in der Kirche. Eine Öffnung hin zur Priesterweihe von Frauen in Deutschland könne weltweite Strahlkraft entwickeln, ist sich Straub sicher. Sogar aus Indien erfahre sie Zuspruch. Der Zölibat könne in Afrika vielerorts wegen der gesellschaftlichen Realität gar nicht gelebt werden. Tief enttäuscht zeigte sie sich über das Abschlussdokument der Amazonas-Synode „Querida Amazonia“, in dem sich Papst Franziskus letzte Woche gegen eine Zulassung von Diakoninnen und verheirateten Priestern in der seelsorgerisch unterversorgten Amazonasregion entschieden hatte. „Wenn der im Januar begonnene Synodale Weg in Deutschland keine Konsequenzen hat, sehe ich eine Austrittswelle voraus“, sagte Straub. Aufgeben kommt für sie dennoch nicht in Frage. Stattdessen fordert sie eine am Evangelium orientierte Öffnung der Kirche für alle gesellschaftlichen Gruppen. „Weil ich die Kirche liebe, versuche ich, etwas zu verändern.“ Homosexuelle und Geschiedene dürften nicht länger diskriminiert werden. Jungen Erwachsenen sollten gezielt Angebote gemacht werden, um ihre Abkehr von der Kirche zu verhindern. Christine Scholder von der Katholischen Erwachsenenbildung wies auf die Initiative JIN hin, die seit Jahren im Dekanat Esslingen-Nürtingen erfolgreich Projekte und Angebote für junge Erwachsene konzipiert. Zum Abschluss rief Straub die Anwesenden auf, zusammen Steine für einen neuen Weg der Kirche zu legen. „Bleiben Sie nervtötend und setzen Sie Ihre Ideen um.“ Wie stark es in der Kirche brodelt, zeigten die Wortbeiträge des Publikums. Jahrzehntelang aufgestauter Zorn und Entrüstung brachen sich ebenso Bahn, wie vorsichtige Ansätze der Hoffnung. Bei der Frage nach Reformen gehe es um Macht und ihren drohenden Verlust, stellte eine Teilnehmerin fest. Die deutschen Bischöfe könnten viel mehr selbst entscheiden, beklagte eine andere. Frustriert konstatierte eine Dritte die nachlassende Reformbereitschaft der Kirche in den letzten Jahrzehnten. „Die Theologie der Befreiung hat man einfach plattgewalzt.“ Ein Wortbeitrag forderte eine stärkere Rückbesinnung auf die zentrale Botschaft Jesu. „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, sagte eine Dame älteren Semesters zum Abschluss versöhnlich. Wer die Liebe lebe, könne jedes Ziel erreichen.